Die Realität einer PoC Migrantin in den Schweizer Alpen

Payal Parekh
10 min readJun 17, 2020

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Ein Berg in der Schweizer Alpen, schneebedeckt.

Auf Englisch hier

«Ich bin hier, ich bin laut, weil ihr mich nicht seht» (abgeleitet von einer Parole der Klimastreikbewegung).

Es ist ironisch dass ich als gut ausgebildete Migrantin der oberen Mittelschicht, die aktiv in der internationalen Klimagerechtigkeitsbewegung ist, die Unterdrückung Dalits und Muslime in Indien, Schwarze und Latinos in den USA und Wirtschaftsmigrant*innen und Geflüchtete in Europa erst zu spüren bekam, nachdem ich von linken Schweizer*innen auf meine Hautfarbe und Herkunft reduziert wurde. Andere Aspekte meines Lebens werden unsichtbar, einschließlich meiner Ausbildung, meiner Fähigkeiten, sowie meine professionellen und persönlichen Erfahrungen. Vielmehr werde ich auf einige wenige Kategorien reduziert, die auf einem Volkszählungsformular zu finden sind:

weiblich — ✓

braune/schwarze Hautfarbe — ✓

Geburtsort, globaler Süden — ✓

Der Fokus an Eigenschaften, auf die ich keinen Einfluss habe, verdeutlicht meinen Platz am Rande der Gesellschaft und zeigt auf, wie steil der Hang ist als integrierter Bestandteil dieser Gesellschaft wahrgenommen zu werden, mit dem Recht zu sprechen, zu schreiben oder an dem zu arbeiten, was ich will, weil es mich interessiert.

Ich habe schnell gemerkt, dass ich willkommen bin, wenn ich bereit bin über ein Thema aus der Perspektive einer Person of Colour (PoC) zu referieren, um Diversität auf einem Podium zu gewährleisten. Aber was bedeutet es, als PoC zu sprechen, und wie kann ich alle Menschen im Land vertreten, die in diese Kategorie fallen?

Es wird nicht erwartet, dass Herr Scheidegger über ein Thema aus der Perspektive seiner Herkunft oder seines Genders spricht, sondern eher als Experte. Warum kann ich im Jahr 2020 nicht über ein Thema als eine Expertin referieren, die gleichzeitig dunklere Hautfarbe hat, weiblich und Migrantin ist?

Das Konzept des weißen Europäers als Experte ist so tief verwurzelt, dass selbst eine Organisation, die sich für eine diverse Schweiz in der Öffentlichkeit einsetzt, lud primär Schweizer*innen ohne Migrationshintergrund als Expert*innen zu einer internen Tagung ein.

Natürlich gibt es Fälle, in denen eine Perspektive basierend auf Hautfarbe, soziale Schicht, Gender, Religion, sexuelle Orientierung, Behinderung, usw. Entscheidend ist — doch die Person bringt EINE Perspektive ein und nicht DIE Perspektive oder die Aussagen sind von Studien belegt.

Wenn manche Gruppierungen untervertreten sind, soll es Fördermaßnahmen geben, die vom jungen Alter Unterstützung anbieten, da die ganze Gesellschaft die Verantwortung hat Rahmenbedingungen zu schaffen, welche die Teilnahme von allen ermöglicht. Diese Arbeit darf nicht nur auf den Schultern der Minderheiten lasten, weil die ganze Gesellschaft davon betroffen ist.

Der Grund dafür ist nicht weil eine Regenbogengesellschaft schön aussieht, sondern wir wissen von der Natur, je diverser ein Ökosystem ist, desto robuster und belastbarer es ist. Es ist nicht anders mit Gesellschaften; wir sind stärker, wenn wir die Realität aus mehreren Perspektiven betrachten können, unsere Wissensgrundlage ist breiter und ermöglicht innovativere Lösungen zu komplexeren Problemen.

Leider scheint die Vielfalt in breiten Teilen der Schweizer Zivilgesellschaft nicht geschätzt zu werden. Schauen wir einfach an, wer bei NGOs arbeitet (auch zu Themen mit Bezug auf Migration!), wer gewählt wird und wer in politischen Parteien aktiv ist. Wer tritt als Journalist*in, Moderator*in oder Expert*in in der Schweiz auf? Eine Umweltgruppe hat mich sogar ausschließlich wegen meiner Hautfarbe eingeladen in ihrer Gruppe mitzumachen, da sie für ihren Mangel an Diversität kritisiert wurde.

Wenn ich Schweizer*innen frage, warum die Gruppen ziemlich homogen sind und was wir machen könnten, um Mitglieder mit einem anderen Profil zu bewerben, gibt es wenig Bereitschaft zu reflektieren. Sondern höre ich, dass die Gruppe offen sei und jede*r willkommen sei oder Leute mit spezifischer Eigenschaft keine Zeit für politische Arbeit haben oder interessieren sich einfach nicht dafür. Jedoch wurden Leute aus diesen Gruppierungen selber nicht gefragt, warum sie nicht teilnehmen; sondern es wurde still hingenommen.

Als ich schlug vor, dass wir uns überlegen sollten welche Hindernisse die Teilnahme von manchen Gruppieren verhindern könnten und gezielt auf Leuten zugehen sollen, um sie zu fragen, ob sie mitmachen möchten, und was wir ändern könnten, um ihre Teilnahme zu fördern, waren die Reaktionen leere Blicke und Unverständnis.

Wenn es auch darum geht diversere Referent*innen für Podiumsgespräche zu gewinnen, gibt es oft Widerstand. Besonderes war ich schockiert, als jemand sagte, es sei schwierig Leute mit Migrationshintergrund oder aus der Arbeiterschicht zu finden, die die nötigen Kenntnisse haben, und eine andere Person meinte, eine weiße, deutsche Professorin habe Kontakt mit Leuten aus dem globalen Süden und kann ihre Sicht gut vertreten, i.e. es sei nicht nötig sie einzuladen. Das Vorurteil vieler Schweizer Aktivist*innen hat sich offenbart — “gebildet” scheint zu heissen “im Besitz eines Hochschulabschlusses”.

In der Welt der NROs, der linken Denkfabrike und der lokalen Komitees erklären teilweise bestehende Vetterliwirtschaft und Freundeskreise die fehlende Vielfalt. Wie kann ich überhaupt einen Fuss in die Tür kriegen, wenn oft Stellen gar nicht ausgeschrieben werden oder wenn doch, hat die Organisation schon im Voraus entschieden, wen sie einstellt?

Natürlich ist es einfacher, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die man bereits kennt und mit denen man befreundet ist — wahrscheinlich habt ihr viel gemeinsames — Erziehung, Hobbys, Kommunikationswege. Es besteht also keine Notwendigkeit, explizit zu sein, weil jeder die ungeschriebenen Regeln kennt und dadurch ist es höchstwahrscheinlich, dass alles glatter läuft.

Wenn ich mit Schweizer Aktivist*innen darüber gesprochen habe, scheint es eine breite Akzeptanz für die Praxis zu geben und sie wird sogar verteidigt. Ich wurde gefragt: «Was ist falsch daran, mit Leuten aus bestehenden Netzwerken zu arbeiten?», und mir wurde gesagt, dass meine Forderungen nach Transparenz und klaren Prozessen unfair und zu aufwendig seien.

Netzwerke sind notwendig und unerlässlich, aber wenn es keine Möglichkeit gibt, dass neue Menschen dazu stoßen können und neue Ideen einfliessen können, verlieren alle, nicht nur die, die blockiert werden. Diese kurzsichtige Sichtweise führt oft zu Mittelmäßigkeit, weil Organisationen nicht aus Personen bestehen, die der Organisation in Bezug auf Fähigkeiten oder Perspektiven etwas Neues anbieten könnten.

Im Schweizer Büro einer internationalen NGO mit rund 80 Mitarbeitenden waren wir nur zu zweit, die nicht in der Schweiz oder in Deutschland aufgewachsen waren. Wir haben beide die Organisation verlassen, weil wir uns unwohl gefühlt hatten und spürten eben diese Doppelmoral.

Oft bin ich bei Komitees die einzige Person ist, die nicht in einem deutschsprachigen Land aufgewachsen ist und oft die einzige, die eine dunklere Haut hat. Obwohl 25 % des Landes aus Migrant*innen bestehen (16 %, wenn man die deutschen, italienischen, französischen und österreichischen Einwander*innen nicht mitzählt), sind sie im öffentlichen Leben nur selten anzutreffen, und dasselbe gilt für die zweite Generation.

Da ich in Europa nicht aufgewachsen bin, merke ich, dass ich oft die Spielregeln in Komitees und Gruppen gar nicht verstehen. Wenn ich es wage mich zu erkundigen welche Struktur eine Gruppe hat, was die Kommunikationsnormen sind, und wie Entscheidungen getroffen werden, löst es öfters Verwirrung und Unverständnis aus. Ich muss als erstes die Anderen oft davon überzeugen, dass es Unklarheiten gibt — ein sehr einsamer und anstrengender Prozess.

Bei einer Organisation war die Reaktion, dass es für alle andere klar sei, wie die Gruppe funktioniere und dass es Zeitverschwendung sei darüber zu reden. Bei einer anderen landeten meine Fragen auf taube Ohren und Entscheidungen wurden weiterhin hinter geschlossenen Türen gefällt.

Jedoch haben Mitglieder eines anderen Komitees sich mühe gegeben die Fragen ehrlich zu beantworten, aber sie haben gemerkt, dass sie selber weder die Struktur noch den Entscheidungsprozess formalisiert haben und gaben zu, dass Leute, die länger dabei sind, Entscheidungen einfach in die Hand nehmen. Schweizer*innen, die nicht so lang im Komitee waren, haben sich bei mir bedankt, dass es ihnen auch nicht klar war, aber sie trauten sich nicht so fragen.

Ich nehme an, dass manche Schweizer*innen eingesehen haben, dass meine Fragen den Status Quo in Frage stellen und sie fordern diejenigen mit mehr Macht in der Gesellschaft sich mit den Strukturen auseinanderzusetzen, von denen sie profitieren, und die Bereitschaft, die Gesellschaft egalitärer und partizipativer zu gestalten, indem sie anderen Raum geben Normen neu zu definieren. Sobald ich mich wage diese Annahmen zu hinterfragen, hört die Willkommenskultur auf und ich bin als die schwierige und undankbare Ausländerin gebrandmarkt.

Informelle Strukturen und intransparente Entscheidungsprozesse machen es denjenigen, die aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus kommen, nahezu unmöglich, gleichberechtigt zu partizipieren, zementieren informelle Machtdynamiken und machen es unmöglich, eine Kultur der Rechenschaftspflicht und Transparenz zu schaffen.

Weil einfache Fragen zum Funktionieren eines Komitees, um Klarheit zu schaffen, oft auf Unverständnis stoßen, habe ich angefangen nach moderierten Gesprächen zu bitten, wenn es darum geht Reibungen, Intransparenz, undemokratisches Vorgehen, Sexismus oder Rassismus im Team zu diskutieren. Ich bin sowieso nicht gleichgestellt, zum Teil weil die anderen sich schon seit Jahren kennen und befreundet sind. Leider treffen, bis jetzt, diese Bitten auf Widerstand und Ablehnung.

Es ist kaum zu fassen, dass eine neutral*e Moderator*in zu haben, problematisch sein soll, wenn es schlicht und einfach Best Practice ist, um die Partizipation alle zu ermöglichen und eine angenehme und konstruktive Atmosphäre zu gewährleisten. Wenn es kaum Gelegenheiten gibt, dass Erfahrungen von anderen überhaupt angehört, anerkannt und ernst genommen werden, wie soll dann ein Wandel je stattfinden?

Wie kann ich es wagen, mich berechtigt genug zu fühlen, Forderungen an diejenigen mit mehr Macht zu stellen, die dazu führen würden, dass ich als Gleichgestellte behandelt werde? Was ist so bedrohlich daran, am Tisch sitzen zu wollen und als mein ganzes Ich mitwirken zu wollen?

Warum ist es problematisch und unerwünscht, wenn ich kompetent und professionell bin? Ist es problematisch den Stereotypen der dummen und faulen braunen Frau zu widerlegen? Ein Mitglied eines Komitees hat mir gesagt, dass es für die anderen Mitglieder unangenehm sei, weil ich zu kompetent sei und zu viel von ihnen verlange. Um das Selbstbewusstsein der Anderen nicht zu schaden, soll ich meine Fähigkeiten verstecken und ungeschickt sein?

Wenn ich meine Klagen «nett» ausdrücke, werde ich ignoriert. Wenn ich aufbrausend bin, so dass die Wut, der Schmerz und die Emotionen heraus sickern, bin ich schwierig, unhöflich und unkonstruktiv. Und ich weiss, dass das, was ich sage, dank der Doppelmoral, der mikro-aggressiven und unbewussten Bias anders beurteilt wird. Ich habe genügend Beispiele in dem meine Ideen beseitigt wurden, nur aufgenommen zu werden, wenn ein*e Schweizer*in sie wiederholt.

Wenn es mir gelingt, eine substanzielle Antwort zu erhalten, ist sie in der Regel defensiv und widerständig. Könnte es sein, dass ich nicht mehr willkommen bin, weil ich nicht mehr die Rolle des dankbaren und unterwürfigen Einwanderin spiele? Liegt es daran, dass meine Kompetenz und Eloquenz mich arrogant und bedrohlich erscheinen lässt?

Sehr oft wird der Spieß umgedreht, und im Fokus steht wie ich die Gefühle der Personen aus der Dominanzgesellschaft verletzte und unfair behandelte, anstatt auf der ungerechten Struktur, auf die ich hingewiesen habe. Eine weisse Leserin war beleidigt als die Autorin Winnie Dunn die Wörter «sh*t» und «weiße Leute» in einem Satz benutzte als sie eine Frage über den Schaden, der durch gute Absichten verursacht wird, bei einem Podiumsgespräch zu Diversität beim Sydney Writers Fest 2018 in Australien. Eine andere Referentin zur gleichen Podium, Hella Ibrahim, antwortete, «Ich verliess diese Veranstaltung frustriert. Denn wieder einmal wurde ein gutes Gespräch entgleist, die Weißen wurden im Mittelpunkt gestellt, und einem POC-Panel wurde gesagt, es soll seine Botschaft für ein weißes Publikum schmackhaft machen.»

Anstatt auf das zu hören, was ich sage, Verantwortung zu übernehmen und sich zu entschuldigen, bekomme ich Ausreden. Eine Auswahl unten:

«Es war nicht meine Absicht dich zu kränken. Du hast mich falsch verstanden.» (d.h. Dein Verständnis sei das Problem).

«Ich habe es selber nicht gesehen was die andere Person gemacht hat und kann es nicht beurteilen.» (d.h. Deine Aussage ist nicht vertrauenswürdig).

«Du bist die Einzige, die ein Problem sieht. Alle anderen sind mit dem Zustand der Dinge einverstanden.» (d.h. Deine Beschwerde ist nicht legitim).

«Du bist sehr fordernd/wütend. Warum greifst du mich an? Warum redest du so laut? Kannst du es nicht in einem anderen Ton sagen?» (d.h. Dein Ton und deine Wut sind das Problem).

«Ich unterstütze dich, aber ich kann mich nicht zu weit aus aus dem Fenster lehnen.» (d.h. Ich will mich nicht exponieren und ich möchte keine Beziehungen gefährden).

«Warum bist du so hart und unfair mit mir? Ich versuche dir zu helfen.»(d.h. Ich bin die/der Gute)

«Wir sind alle am Lernen. Hab Verständnis, wenn jemand einen Fehler gemacht. Sicher war es unabsichtlich oder wegen naiveté»(d.h. Was die Person machte war doch nicht so schlimm).

«Wir machen/versuchen unser Bestes.» (d.h. Mehr können wir nicht).

«Wir sind Freiwillige. Deine Erwartungen sind zu hoch » (d.h. Du verlangst zu viel).

«Ich brauche einen Safe Space.» (d.h. Du bedrohst mich).

Letztes Jahr wurde ich eingebürgert und wollte einen Beitrag in meiner adoptierten Heimat leisten, aber ich bin entmutigt, verbittert, und wütend. Ich bin nicht mehr bereit geduldig zu sein; natürlich braucht Veränderung Zeit, aber wenn ich kaum einen Willen sehe, ziehe ich mich lieber zurück, um mich zu schützen.

Ich sehe mich gezwungen viel vorsichtiger aufzutreten. Ich bin nicht mehr bereit so schnell meine Kenntnisse und Netzwerke zu teilen und ich bin auch nicht mehr bereit bei Gruppen und Arbeitsplätzen (glücklicherweise habe ich genügend internationale Kontakte, um mein tägliches Brot zu verdienen) mitzumachen, wenn ich die einzige Migrantin und PoC bin, ausser wenn ich schon mit einzelnen Mitgliedern der Gruppe oder des Arbeitsplatzes zusammengearbeitet habe.

Natürlich hat dieser Aufsatz sich auf die Probleme konzentriert, aber es gibt auch Schweizer*innen, die super Verbündete sind. Bei ihnen möchte ich mich herzlich bedanken — eure Beiträge werden anerkannt, aber leider seid ihr noch immer zu wenige.

Ich habe viel zu wenig öffentliche Solidarität gespürt. Selbst wenn einige mich verstehen, sowie wie die Diskriminierung, Machtmissbräuche und fehlende Transparenz sehen, sind sie selten bereit vor anderen sich zu äußern. Es ist schön und gut, wenn sie mir vertraulich sagen, aber die Situation ändert sich nicht.

Anstatt Komplizenschaft durch Schweigen zu bevorzugen, wünsche ich mir viel mehr die Konsequenzen einer prinzipiellen Haltung auf sich zu ziehen. Wie der inspirierende amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King in 1963 aus dem Gefängnis schrieb: «oberflächliches Verständnis von Menschen guten Willens ist entmutigender als absolutes Missverständnis von Menschen bösen Willens. Lauwarme Anerkennung ist viel irreführender als völlige Ablehnung

Ich hoffe, dass meine Worte ein paar Schweizer*innen aufmuntern, den Kampf aufzunehmen. Wir möchten gesehen werden und auch einen Beitrag leisten — lassen wir die Bedingungen gemeinsam verbessern!

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Payal Parekh

climate scientist turned activist; Swiss, Indian, American immigrant.